Umtüüten

Zwei Studentinnen mischen die Kieler Bäckerei-Szene auf und sagen Papiertüten den Kampf an. Fair produzieren, Müll vermeiden und damit die Welt ein kleines bisschen besser machen.
Reine Utopie oder eher ein Konzept für die Zukunft?

Anja Kromer und Christina Lehmann haben einen Traum: Sie möchten Deutschlands Bäckereien komplett “Einwegtüten-frei” umgestalten. Denn eine Papiertüte, die über die Theke gereicht wird, lebt meist weniger als ein paar Minuten, bis sie in der nächsten Mülltonne landet. Deswegen haben die beiden Masterstudentinnen der Universität Kiel das Projekt „Umtüten“ gegründet. Ihr Konzept ist eigentlich ganz simpel: Anstelle sich beim Bäcker eine Einweg-Papiertüte geben zu lassen, hält man einfach einen selbst mitgebrachten Beutel hin. Für diese Idee wurden die beiden 2016 bei „yooweedoo“, einem Ideenwettbewerb für nachhaltige Projekte, mit 2.000 Euro Startgeld prämiert.

„Wir merken einfach, wie man immer mehr das Bewusstsein ausschaltet, wenn man Sachen konsumiert und einkauft und dabei super viel Müll produziert. Und das wollen wir möglichst vielen Menschen wieder ins Bewusstsein rufen,“ erzählt Anja. Um einen Anreiz dafür zu schaffen, haben die beiden Studentinnen die Broot-TÜÜT und die Snack-TÜÜT entwickelt. Mit ihnen möchten sie den Papiertüten den Kampf ansagen. Fair, ökologisch und lokal sollen die Tüten sein. Aber um dies wirklich realisieren zu können, ist Einfallsreichtum, Kreativität und sehr viel Herzblut gefragt.

Den Anfang macht ein einfaches Stück Stoff – Die verschiedenen Materialien für die Tüten bekommen Anja und Christina von diversen Lieferanten. Diese werden durch lange Recherchearbeit persönlich von den jungen Gründerinnen ausgewählt und zusammengestellt. „Dabei ist es uns vor allem wichtig, dass es sich um biologische Materialien handelt.“ betont Christina. Teilweise erweist sich dies noch als recht schwierig. Einen natürlichen Ersatz für den Klettverschluss der Snack-TÜÜT haben die beiden beispielsweise noch nicht gefunden. Deswegen sind die beiden stets auf der Suche nach neuen Ideen und Material-Alternativen, um die „Tüüten“ immer weiter zu entwickeln. Ihr Ziel ist es, ihre Produkte irgendwann 100 prozentig fair und ökologisch produziert zu können. Besonders in „NaKu“, einem Wiener Unternehmen, welches die kompostierbare Innenfolie aus Maisstärke anfertigt, haben Anja und Christina einen engagierten Kooperationspartner gefunden – auch in Zukunft sollen weitere gemeinsame Projekte entstehen.

Bis jetzt werden die Tüten in zwei verschiedenen Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Hamburg und Rhede handgefertigt. Im Moment sind die beiden jedoch auf der Suche nach neuen Produktionsorten. Um die Herstellung der Tüten noch transparenter nach außen hin kommunizieren zu können, suchen sie nach GOTS-zertifizierten Textilwerkstätten. Den perfekten Ort, der „fair“, „groß“ und „zuverlässig“ ist, haben sie innerhalb von Deutschland leider nicht finden können. „Uns ist es sehr wichtig die Beutel Lokal herzustellen, aber vielleicht müssen wir den Begriff des Lokalen nochmal ein bisschen ausweiten“, erklärt Anja. Deswegen haben die beiden beschlossen, sich nun auch innerhalb Europas nach passenden Produktionsstätten umzuschauen.

Jede TÜÜTE – ein Unikat

Auch noch nach einem Jahr Umtüten ist die Aufregung groß, wenn eine neue Lieferung fertig genähter „Tüüten“ bei Anja und Christina in Kiel ankommt. Die nächsten Schritte werden geplant und Bäckereien und Interessierte informiert. Doch bevor die Beutel in den Händen von Brot-Enthusiasten und Mehrweg-Fans landen, wird den Brot- und Snack-Tüüten noch der letzte Schliff verpasst: In der Siebdruckwerkstatt Kiel bedrucken die Mädels jede „Tüüte“ eigenhändig mit dem Umtüten-Logo.

Wie bei all ihren Materialien achten die beiden darauf, dass die verwendete Siebdruckfarbe GOTS-zertifiziert ist. Diese wird ganz zu Anfang angerührt und mit Kaltfixierer vermischt, damit die Farbe nicht wieder vom Stoff abbröckelt. Dann wird das Sieb mit dem Logo in den Rahmen eingespannt und es kann losgehen. Die beiden sind ein eingespieltes Team: Anja bedruckt die Beutel an der Siebdruckanlage und Christina legt die fertigen Exemplare zum Trocknen auf einen großen Metallständer. Sie hat auch schon selbst an der Maschine gedruckt, aber irgendwann ist es bei dieser Aufteilung geblieben. „Ich werde immer etwas nervös dabei, deswegen überlasse ich diese Aufgabe lieber Anja.“ Die zu bedruckende Tüte an der abgeklebten Schablone ausrichten, ein wenig Farbe auf das Sieb pinseln und zweimal kräftig darüber streichen – dann muss die Farbe mindestens einen Tag trocknen. Ganz am Anfang von Umtüten lag die Ausfallquote noch bei 10%, aber nach ein paar Versuchen ist die Anzahl von schiefgedruckten Logos exponentiell gesunken und Missgeschicke treten jetzt nur noch sehr selten auf. „Trotzdem sind wir immer etwas aufgeregt und nervös beim Bedrucken der ersten Tüte“, erzählt Anja und lacht.

Am nächsten Morgen ist die Farbe getrocknet. Christina und Anja verstauen die fertigen Tüten in einen großen Pappkarton und dann düsen sie mit ihrem Lastenrad los, um die Kieler Bäckereien mit Nachschub zu versorgen. Seit dem Start von Umtüten haben die beiden Gründerinnen immer mehr Bäckereien mit an Bord geholt und allein in den ersten drei Monaten über 1.000 „Tüüten“ verkauft. „Wir haben ganz schnell Kontakt zu Bäckereien aufnehmen können, die uns von Anfang an unterstützt haben“, erzählt Christina.

Verkauft werden die Tüten direkt bei den Partnerhändlern – und bei jedem müllfreien Einkauf gibt es sogar eine kleine Überraschung on top. Mittlerweile bekommen die Mädels auch etliche Anfragen aus ganz Deutschland. Diese werden dann per Post auf die Reise geschickt. Seit kurzem ist sogar ein eigener Onlineshop am Start.

Nach der kleinen Spritztour im Lastenrad haben die Tüüten endlich ihr Ziel erreicht. Nun müssen sie nur noch auf ihren ersten Einsatz warten. Das Einkaufen mit der Tüüt ist ganz einfach: Im Laden lässt man sich die Backwaren, zum Beispiel in einem Körbchen, über die Theke reichen. Dort kann man sie annehmen und in der eigenen Tüte verstauen. Zuhause einmal kurz mit einem feuchten Tuch kurz ausgewischt, und die Tüte ist bereit für den nächsten Einsatz. Und ein frisches Brötchen aus der eigenen Tüüte schmeckt auch gleich etwas besser – ohne unnötigen Papiermüll. „Wir wollen erreichen, dass in Deutschland mehr darüber nachgedacht wird, warum man bestimmte Einwegtüten eigentlich weglassen kann“ erklärt Anja.

Ein Win-Win Konzept für alle: Die Bäckereien müssen weniger Papiertüten kaufen und profitieren von einem umweltfreundlichen Image und ihre Kunden können mit gutem Gewissen ihr Croissant, Brot oder Brötchen genießen.

 

Vielen Dank an Joan-Carolin Paetz für den Text.

Als ausgebildete Fotografin tobe ich mit Kamera im Anschlag durch Kiel und den Rest der Welt.
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